Leitbild

Mit unserem Leitbild verfolgen wir das Ziel, die Grundprinzipien unserer Arbeit offenzulegen. Die Inhalte bilden das Fundament der praktischen Tätigkeit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und machen zudem deutlich, wie sich diese Arbeit von anderen Angeboten des Jugendhilfesystems abhebt!

Wir sind:

Authentisch

Pädagogische Institutionen definieren für ihre Mitarbeiter, aber auch für ihre Zielgruppe Rollen, an die Vorgaben und Erwartungen gekoppelt sind. Zu einem gewissen Teil sind Verhaltensweisen dadurch vordefiniert. Nur innerhalb eines festen Rahmens gibt es die Möglichkeit, die eigene Individualität auszudrücken. Viele dieser Institutionen behaupten von sich, sie hätten das Ziel ihrer Zielgruppe zu helfen. Die Frage ist, ob diese Aussage überhaupt authentisch sein kann. Unserer Ansicht nach, kann sich der Anspruch auf Hilfestellung nicht in einem festen Rahmen bewegen, da das, was der junge Mensch zur Bewältigung seiner Probleme braucht, häufig über die Möglichkeiten, die der Rahmen einräumt, hinausgeht. Unter diesem Gesichtspunkt kann es keine Kongruenz zwischen eigenem Anspruch und tatsächlicher Hilfeleistung geben. Um den Anspruch der Authentizität in der täglichen Arbeit zu leben, distanzieren wir uns von festen Rollenzuschreibungen. Wir begegnen den jungen Menschen als die Person, die wir wirklich sind, um die Person wirklich kennenzulernen, die uns gegenübersteht, da auch nur dann eine passende Unterstützung geboten werden kann. Damit haben wir den Anspruch an uns, den jungen Menschen gegenüber offen und ehrlich zu sein, auch wenn das bedeutet, nicht das zu sagen, was sie gerne hören wollen, eigene Defizite, über die wir uns als authentische Menschen bewusst sind, zu verbalisieren, oder von einem sozial erwünschten Vokabular abzuweichen. Gleichzeitig beinhaltet der Begriff Authentizität für uns auch die Konsequenz, nach unseren persönlichen Prinzipien zu handeln. Für eine tatsächliche Umsetzung dieser Haltung nehmen wir auch negative Konsequenzen, die sich aus der Vertretung dieser Prinzipien ergeben können in Kauf.

Stimmgebend

Die meisten Menschen erreichen in ihrem Leben irgendwann den Punkt, von dem an sie ihr Leben zu großen Teilen eigenverantwortlich managen müssen. Im besten Fall findet dieser Abnabelungsprozess von erfahrenen Bezugspersonen kontinuierlich statt, sodass die Kompetenzen, die für eine Autonomie über das eigene Leben notwendig sind, nach und nach erworben werden können. Erfolgt der Übergang in den neuen Lebensabschnitt plötzlich, ohne dass entsprechende Kompetenzen ausgebildet werden konnten, sieht man sich mit einem Berg von Aufgaben konfrontiert, die ohne Unterstützung kaum bewältigt werden können.

Zum einen mangelt es Betroffenen häufig an Wissen über die eigenen Möglichkeiten und Rechte. Sie wissen nicht was ihnen rechtlich zusteht, sie kennen die Institutionen nicht, bei denen sie beantragen können was ihnen zusteht und sie kennen keine Organisationen, die sie über ihre eigenen Rechte aufklären und sie dabei unterstützen, dass zu bekommen was ihnen rechtlich zusteht (vgl. hierzu auch die Ausdifferenzierung des Jugendsystems bei "Anpassungsfähig"). Zusätzlich mangelt es ihnen gleichzeitig an Fertigkeiten, zur Bewältigung aktueller Probleme notwendige Formulare sachlich korrekt auszufüllen und erforderliche Schriftstücke aufzusetzen. Einige Ämter nutzen die Situation von Betroffenen aus, um Zahlungen und Sachleistungen, zu denen sie rechtlich verpflichtet wären, zu unterschlagen.

Die Rückschläge, die junge Menschen in einer solchen Situation immer wieder erfahren, führen zu einem Verlust in das eigene Selbstvertrauen, zu Selbstzweifel und Unsicherheit. Dem jungen Mensch fehlt "die Stimme", einzufordern was ihm zusteht und nicht selten verliert der Klient das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Für uns ergibt sich hieraus die Aufgabe, dem Klienten seine "Stimme wiederzugeben". Wir klären unsere Klienten über ihre Rechte auf, begleiten sie bei Gesprächsterminen und bestärken sie darin, sich einzumischen und damit selbst die Gesprächsführung zu übernehmen. Wir unterstützen sie dabei, ihre Wünsche und Bedürfnisse auszudrücken und deren Erfüllung und Befriedigung einzufordern. Auf diese Weise wollen wir das

Vertrauen in die Fähigkeiten der jungen Menschen "wiederbeleben", wodurch sie schrittweise die Autonomie über ihr eigenes Leben wiedererlangen.

Einzigartig

"Jeder Mensch ist einzigartig." Diese Binsenweisheit leuchtet jedem sofort ein und bedarf keiner näheren Erläuterung. Aber wie drückt sich die Umsetzung dieser Haltung in der eigenen Arbeit aus?

Wenn ich davon ausgehe, dass kein Klient wie der andere ist, muss ich seine Exklusivität im ursprünglichsten Sinne des Wortes anerkennen. Das bedeutet, dass ich die Einzigartigkeit des Klienten, in Ab- und Ausgrenzung zur Umwelt, in ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten erkenne, berücksichtige und fördere. Um diesem Anspruch gerecht werden zu können, muss ich mich zunächst von stereotypisierten Rollenzuschreibungen distanzieren, die den Blick auf die Persönlichkeit des Klienten überlagern. Mit dieser Persönlichkeit verbunden sind individuelle Ziele und Ideale, die es zu berücksichtigen gilt. Auf der anderen Seite besitzt auch der Betreuer / die Betreuerin eine individuelle Persönlichkeit, was eine Überprüfung der Passung beziehungsweise Kompatibilität der beiden Individuen erforderlich macht. So exklusiv, wie die am Beratungsprozess beteiligten Personen, müssen auch die angebotenen Hilfen sein. Was dem einen hilft, bringt den anderen nicht zwangsläufig weiter. Die Stellschrauben, an denen gedreht werden kann um unterstützend einzuwirken, müssen von Fall zu Fall neu identifiziert werden. Die Umsetzung dieses Anspruchs kann jedoch nur unter Berücksichtigung der "Authentizität" und "Anspruchslosigkeit" gelingen.

Ressourcenorientiert

Definiert man Lernen als die Veränderung des Erlebens und Verhaltens aufgrund von Umwelterfahrungen, so kann man feststellen, dass der Mensch nicht nicht lernen kann. Auf die eine oder andere Art macht jeder von uns seine Erfahrungen und das Erleben dieser Erfahrungen hat immer einen Einfluss auf das eigene Verhalten. Wir alle entwickeln dadurch im Laufe unseres Lebens Handlungskompetenzen, die darauf ausgelegt sind, mit den Problemen unseres Alltags umzugehen. In Situationen, in denen Aufgaben aus dem Umfeld an uns herangetragen werden, die wir mit unseren bestehenden Fähigkeiten und Fertigkeiten nicht im Stande sind zu bewältigen, oder wir unsere eigenen Bedürfnisse nicht mit den Anforderungen in Einklang bringen können, greifen wir auf Bewältigungsstrategien zurück, die sich in der Vergangenheit als nützlich erwiesen haben. Solche Strategien bestehen beispielsweise darin, sich selbstständig Wissen anzueignen um erforderliche Problemlösekompetenzen auszubilden, können sich aber auch durch eine Flucht vor dem Problem und der Hoffnung, "es würde sich schon von alleine erübrigen" ausdrücken.

Überspitzt formuliert halten wir die Vorstellung, man könnte jungen Menschen, die ihr ganzes Leben lang gelernt haben, wie sie Anforderungen die an sie gestellt werden umgehen, oder sie mit möglichst geringem Aufwand bewältigen können, ein komplett anderes Vorgehen beibringen, dass darin besteht, sich den Problemen zu stellen und die zur Lösung des Problems notwendigen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entwickeln, für romantisch und realitätsfern. Wir sehen es als ergiebiger an, mit dem zu arbeiten, was die jungen Menschen bereits mitbringen, also an den Handlungskompetenzen anzuknüpfen, die sie bereits erworben haben. An diesen bestehenden Fähigkeiten und Fertigkeiten anknüpfend, wollen wir den jungen Menschen schrittweise dazu befähigen, die Autonomie über sein eigenes Leben wieder zu ermöglichen.

Anpassungsfähig

Die Frage, wie Gesellschaft eigentlich möglich ist, ist Inhalt verschiedener Sozialisationstheorien. Trotz unterschiedlicher Lösungsansätze lässt sich ein Konsens formulieren, der ein ähnliches Denken von Individuen sowie eine Orientierung an sozial erwünschten Verhaltensweisen als notwendige Voraussetzung für einen gesellschaftlichen Zusammenhalt umfasst. In der Regel werden daher junge Menschen, deren Handeln von der Norm abweicht, von ihrem sozialen Umfeld mit dem Ziel sanktioniert, erwünschte Verhaltensweisen an den Tag zu legen, um eben diesen gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sichern. Sie werden sozusagen "passend gemacht". Dieser Tatbestand lässt sich mit dem Begriff Systemkonformität zusammenfassen. Genau das meint Anpassungsfähig für uns jedoch nicht.

Pädagogische Institutionen haben sich in westlichen Gesellschaften soweit ausdifferenziert und spezialisiert, dass für unterschiedliche Problemfälle auch unterschiedliche Institutionen angesteuert werden müssen. Die individuellen Fälle von Klienten müssen also in das ausdifferenzierte Raster einer Institution passen, damit diese dort Hilfe in Anspruch nehmen können. Dass es bei dieser Vorgehensweise Sonderfälle gibt, die aus dem Rahmen herausfallen, liegt auf der Hand. Im Zuge eines klientenzentrierten Vorgehens möchten wir uns von einem festen Rahmen, an den sich Klienten anpassen müssen um Unterstützung zu erhalten verabschieden. "Anpassungsfähigkeit" bedeutet in diesem Zusammenhang, dass sich nicht der Klient an ein bestimmtes System anpassen muss, sondern dass wir als System uns an unsere Klienten anpassen, um eine optimale Hilfe, ausgerichtet an dem, was der junge Mensch wirklich braucht, gewährleisten zu können.

Anspruchslos

Ein Stereotyp ist eine kognitive Struktur. Sie beinhaltet Wissen, Überzeugungen und Erwartungen über eine soziale Gruppe von Menschen. Wir alle greifen im alltäglichen Leben automatisch auf solche Stereotype zurück, da sie uns die Orientierung in der sozialen Welt erleichtern. Allerdings bergen solche Vorurteile auch Risiken, denn ihre Aktivierung hat einen Einfluss auf unsere Wahrnehmung. Wir neigen dazu, "Menschen in Schubladen zu stecken", in die sie objektiv betrachtet gar nicht gehören. Dieses Schubladendenken wollen wir umgehen, indem wir all unsere Klienten als Einzigartig ansehen. Natürlich sind wir nicht davor gefeit, Menschen nach äußeren Merkmalen und ihrem Verhalten zu kategorisieren. Wir haben jedoch den Anspruch, unser Denken, unsere Wahrnehmung und unser Handeln immer wieder kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls zu korrigieren. Diese Haltung und dieser Anspruch sind wichtig, um Fehlern in der Persönlichkeitswahrnehmung vorzubeugen und eine professionelle Unterstützung der Klienten zu gewährleisten. Neben dem kritischen Umgang mit Stereotypen, verbinden wir mit dem Begriff "anspruchslos" auch eine Erwartungsfreiheit. Wir erwarten von unseren Klienten keine bestimmten, gesellschaftlich erwünschten Verhaltensweisen. Wir erwarten nicht, dass sie sich an verbindliche Absprachen und Vereinbarungen halten €“ jedenfalls nicht als Zugangsvoraussetzung. Natürlich können Werte wie Verlässlichkeit oder Pünktlichkeit als Ziel angesehen werden, sie sind jedoch keine Bedingung. Genauso wenig erwarten wir jedoch auch nicht, dass sie sich nicht daran halten, da auch das eine Zuschreibung wäre die wir versuchen nicht vorzunehmen. Diese Haltung ermöglicht es, frei von Vorurteilen und Stigmatisierungen an die jungen Menschen heranzutreten und beugt dadurch der Gefahr einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung vor. Diese beschreibt das Phänomen, dass sich ein erwartetes Verhalten einer anderen Person durch eigenes Verhalten bewahrheitet, obwohl dieses (erwartete) Verhalten ohne die Erwartung nicht eingetreten wäre.

Aufsuchend

Junge Menschen, die in ihrer Vergangenheit negative Erfahrungen mit Hilfeeinrichtungen gemacht haben, versuchen nicht selten, jeden Kontakt zu pädagogischen Institutionen zu meiden. Dass die eigene Situation durch eine Zusammenarbeit mit den pädagogischen Institutionen erreicht werden könnte, wird dabei von den jungen Menschen entweder nicht erkannt oder negiert. Eine Stagnation der Problemlage, oder sogar eine Verschlechterung der Situation aufgrund neu auftretender Problematiken sind die Folge. Diese Abwärtsspirale kann von den Betroffenen aus eigener Kraft kaum noch gestoppt werden, weswegen die Autonomie über das eigene Leben immer weiter eingeschränkt wird. Der Aufprall nach einem solchen Sturz ist hart; aber soweit muss es mit den passenden Maßnahmen nicht kommen.

Helfen kann man als soziale Institution Menschen in einer solchen Situation nur noch dann, wenn man sie "dort abholt wo sie stehen". Entscheidend ist hierbei die Herstellung eines Bezugs zur Lebenswelt der jungen Menschen. Ein Lebensweltbezug bedeutet in diesem Zusammenhang zum einen, dass sich die Arbeit am Umfeld und den Dispositionen der jungen Menschen orientiert. Zum anderen schließt diese Vorstellung außerdem Aspekte mit ein, die für eine gesellschaftliche Teilhabe relevant sind und somit Teil der Lebenswelt der Klienten werden können. Maßgeblich für unserer Arbeit ist daher nicht, was wir für die Klienten als wichtig erachten, sondern was für die jungen Menschen selbst von Bedeutung ist.

Ausdauernd

Die Handlungs-, Wahrnehmungs-, und Kommunikationsmuster eines jungen Menschen, die sich über einen langen Zeitraum hinweg, eventuell sogar von Kindesbeinen an, eingeschliffen haben, können nicht von heute auf morgen verändert werden. Es ist ein langer Weg, den der junge Mensch gehen muss, um Alternativen zu den festgefahrenen Strukturen zu finden. Bei diesem Prozess wollen wir die jungen Menschen begleiten. Hierbei legen wir nicht nur Wert darauf, dem Klienten mit Authentizität, Wertschätzung und Empathie zu begegnen, sondern bieten ihm ein gesichertes Beziehungsangebot. Und zwar so lange, wie es der Klient für notwendig und sinnvoll erachtet! Unsere Hilfe ist nicht an die Einhaltung von Zielvorgaben, finanzielle Mittel oder gar politische Beliebigkeiten gebunden. Wir legen diese Ausdauer aus der Überzeugung heraus an den Tag, dass von den jungen Menschen angestrebte, nachhaltige Veränderungen nur über einen langen Zeitraum hinweg und nicht durch eine "Hau-Ruck-Maßnahme" erzielt werden können. Von eben diesen Maßnahmen, die mit der Vorstellung, dass durch die Anwendung bestimmter Methoden in Rekordzeit Ziele erreicht werden können, die den jungen Menschen wirklich dabei helfen, mit ihrer Lebenssituation umzugehen, wollen wir uns klar distanzieren. Die Qualität einer Maßnahme alleine reicht nicht aus. Entscheidend ist auch immer die Quantität, die aus Kostengründen viel zu häufig vernachlässigt wird.

Das Risiko, dass auch diese langfristige Unterstützung für den jungen Menschen nicht zielführend ist, nehmen wir in Kauf. Die bei der Arbeit eingesetzten Ressourcen, sowohl emotional, als auch zeitlich und finanziell, halten wir keineswegs für vergeudet. Alle am Prozess beteiligten Personen machen auf die eine oder andere Art ihre Erfahrungen, die für das weitere Leben prägend sein können. Es liegt uns fern, diesen Erkenntnisgewinn in irgendeiner Form zu beurteilen.

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